Herr Reime, die BaFin ist in diesem Jahr mit einem eigenen Stand auf dem Deutschen Seniorentag vertreten. Was halten Sie von diesem Engagement?
Ich begrüße es ausdrücklich, dass die BaFin ihre Aufklärungsarbeit dort fortsetzt, wo sie besonders gebraucht wird – bei älteren Verbraucherinnen und Verbrauchern. In einer zunehmend komplexen Finanzwelt sind Informationen ohne Verkaufsinteresse selten geworden. Die BaFin bietet mit ihren „Finanzen.Information.Tipps“ eine neutrale Orientierungshilfe. Das ist wichtig, weil viele Seniorinnen und Senioren in der Vergangenheit Opfer unseriöser Angebote geworden sind – sei es bei überteuerten Finanzprodukten, zweifelhaften Anlagen oder durch gezielten Telefonbetrug.
Inwiefern ist die Zielgruppe 60+ besonders gefährdet?
Zum einen, weil sie oft über ein gewisses Vermögen verfügt – aus Erbschaften, Lebensversicherungen oder Immobilienverkäufen. Zum anderen, weil das Vertrauen in klassische Institutionen wie Banken oder vermeintlich seriöse Berater sehr hoch ist. Dieses Vertrauen wird leider immer wieder missbraucht. Hinzu kommt die wachsende Digitalisierung, die viele ältere Menschen überfordert. Wenn dann per WhatsApp vermeintliche Enkel Geld verlangen oder falsche Berater am Telefon persönliche Daten abfragen, wird es gefährlich.
Was können Veranstaltungen wie der Deutsche Seniorentag konkret bewirken?
Sie bieten die Chance, mit Betroffenen direkt ins Gespräch zu kommen – niedrigschwellig, offen, ohne Druck. Der Live-Stammtisch der BaFin zum Thema „Digitalisierung und Finanzen“ ist ein gutes Beispiel. Dort geht es nicht um theoretische Modelle, sondern um praktische Fragen: Wie erkenne ich Fake-Angebote? Welche Daten gebe ich online besser nicht preis? Wie kann ich selbstbestimmt mit meinem Geld umgehen? Solche Impulse können im Alltag einen echten Unterschied machen.
Müssen sich ältere Menschen überhaupt noch mit Finanzen beschäftigen, wenn sie im Ruhestand sind?
Unbedingt. Altersarmut, Pflegekosten, Inflationsdruck – das sind keine Randthemen mehr, sondern reale Herausforderungen. Wer glaubt, er könne sich nach dem Berufsleben zurücklehnen und den Geldangelegenheiten den Rücken kehren, verkennt die Realität. Gerade im Ruhestand ist es wichtig, sich einen Überblick über die eigene finanzielle Situation zu verschaffen – und vor allem, sich vor Risiken zu schützen.
Worauf sollten ältere Menschen beim Umgang mit Finanzdienstleistern besonders achten?
Seriosität erkennen Sie unter anderem daran, dass keine schnellen Entscheidungen verlangt werden. Kein seriöser Anbieter drängt zur Unterschrift am Telefon oder lockt mit angeblich „einmaligen Chancen“. Wichtig ist auch, dass keine unverständlichen Produkte verkauft werden. Wer nicht genau versteht, worin er investiert, sollte schlicht die Finger davon lassen. Und im Zweifel sollte man immer eine zweite Meinung einholen – sei es von der Verbraucherzentrale, von Fachanwälten oder von Aufsichtsbehörden wie der BaFin.
Welche Rolle kann die BaFin dabei mittel- und langfristig spielen?
Die BaFin kann keine individuelle Anlageberatung leisten – aber sie kann Orientierung geben. Das tut sie mit ihren Informationsbroschüren, mit digitalen Formaten und nun auch mit Auftritten wie beim Deutschen Seniorentag. Wichtig ist, dass dieses Engagement kein Strohfeuer bleibt, sondern dauerhaft ausgebaut wird. Gerade in einer älter werdenden Gesellschaft brauchen wir eine Finanzaufsicht, die nicht nur auf Banken schaut, sondern auch auf die Menschen, die am stärksten betroffen sind.
Herr Reime, vielen Dank für das Gespräch.
Gerne.