Nur wenige Tage nach dem Launch seines neuesten KI-Bildgenerators hat OpenAI eine virale Welle ausgelöst – und gleichzeitig eine neue Runde in der Diskussion um Künstliche Intelligenz und Urheberrecht eröffnet. Besonders auffällig: Tausende Nutzer:innen auf Plattformen wie X (ehemals Twitter) und Instagram lassen mithilfe der neuen Funktionen Bilder im Stil des japanischen Animationsstudios Studio Ghibli entstehen – oft detailverliebt, träumerisch und verblüffend nah am Original.
Die neue Version von GPT-4o, die seit Dienstag verfügbar ist, bietet deutliche Fortschritte in der Verarbeitung von Bild- und Texteingaben. Laut OpenAI wurde die KI auf eine „große Bandbreite visueller Stile“ trainiert – mit dem Effekt, dass viele Nutzer nun Szenen aus Popkultur, Politik oder bekannten Memes im Stil von Klassikern wie Chihiros Reise ins Zauberland oder Das wandelnde Schloss nachbauen lassen.
Von Trump bis „Der Herr der Ringe“ – alles wird Ghibli
Besonders beliebt ist die Neuinterpretation bekannter Motive im Ghibli-Stil: Von „Der Herr der Ringe“-Trailern über Szenen aus „Die Sopranos“ bis hin zu Donald Trump im Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj – die Motivauswahl ist so vielfältig wie kreativ. Auch klassische Internet-Memes wie der „distracted boyfriend“ oder das berühmte Bild von Ben Affleck mit Zigarette wurden bereits in Ghibli-Optik umgewandelt.
Ein besonders viraler Post zeigt sogar Elon Musk beim Balancieren von Löffeln – basierend auf einem echten Video von einem Abendessen mit Trump in New Jersey.
Studio Ghibli selbst bleibt skeptisch
Während das Netz begeistert reagiert, wird gleichzeitig ein älteres Video des Studio-Ghibli-Mitbegründers Hayao Miyazaki vielfach geteilt. Darin zeigt sich der legendäre Regisseur entsetzt über ein mit KI generiertes Monster: „Das ist eine Beleidigung für das Leben selbst“, sagt Miyazaki. Die künstliche Kreatur nenne er „widerlich“ – und fügt hinzu, dass er sich niemals vorstellen könne, eine solche Technologie in seine Arbeit zu integrieren. Miyazaki steht für handgezeichnete, kunstvoll animierte Werke und eine tiefe Abneigung gegenüber Automatisierung in der Kunst.
Urheberrecht bleibt heikles Terrain
Die Diskussion über KI und Kunst ist nicht neu – wird aber durch die neuen, realistischeren Bild- und Videofähigkeiten von GPT-4o und dem KI-Videotool Sora neu befeuert. Erst vor wenigen Wochen hatten knapp 4.000 Menschen einen offenen Brief an das Auktionshaus Christie’s unterzeichnet, in dem sie gegen eine reine KI-Kunst-Auktion protestierten. Der Vorwurf: Viele KI-Modelle würden ohne Zustimmung auf urheberrechtlich geschütztem Material trainiert – ein Ausverkauf kreativer Arbeit.
OpenAI-CEO Sam Altman reagierte auf die Welle an Ghibli-Bildern mit Ironie. Auf X schrieb er: „Man arbeitet ein Jahrzehnt an Superintelligenz, um Krebs zu heilen oder so – und plötzlich geht es nur noch darum, dass dich Leute als Ghibli-Twink darstellen.“
OpenAI selbst zieht Grenzen – zumindest in der Theorie
Auffällig: Wird ChatGPT direkt dazu aufgefordert, ein Meme im Ghibli-Stil zu erzeugen, lehnt die KI dies ab – mit Hinweis auf die Content-Richtlinien. Die offiziellen Vorgaben verbieten Inhalte, die klar geschützte Stile oder Persönlichkeitsrechte verletzen. Die Praxis zeigt allerdings: Viele Nutzer:innen umgehen solche Sperren durch Umformulierungen und teilen ihre Ergebnisse dennoch öffentlich.
Fazit: Zwischen Kreativität und Kontrolle
Die Begeisterung für KI-generierte Kunst im Ghibli-Stil zeigt, wie zugänglich und leistungsfähig Bild-KI mittlerweile ist. Doch sie bringt auch altbekannte Konflikte zurück ins Rampenlicht: Wem gehört ein Stil? Und wo endet kreative Freiheit – und wo beginnt die Ausbeutung echter Kunst?
Mit dem neuesten Update rückt OpenAI diese Fragen erneut ins Zentrum der gesellschaftlichen Debatte. Antworten sind bislang rar. Doch eines ist sicher: Die Technik schreitet schneller voran als das Recht.