Ein kleines Wunder der Diplomatie? In einem ersten offiziellen Telefonat zwischen dem neuen kanadischen Premierminister Mark Carney und US-Präsident Donald Trump wurde offenbar nicht – wie so oft zuvor – über „Kanada als 51. Bundesstaat“ gescherzt. Stattdessen, so Carney, habe Trump diesmal sogar „Kanadas Souveränität respektiert“. Ja, wirklich!
Das Telefonat kommt mitten in einem hitzigen Handelsstreit zwischen den Nachbarn – Stichwort: 25 %-Autozölle, die am 2. April in den USA in Kraft treten sollen. Für Kanadas Automobilindustrie wäre das ein ökonomischer Schleudersitz – rund 500.000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.
Diplomatie mit einem Hauch von Drama
Carney, der sich derzeit im Wahlkampfmodus befindet, sprach nach dem Gespräch von einem „sehr konstruktiven Austausch“. Trump lobte das Telefonat als „extrem produktiv“ und schob gleich ein „Ich liebe Kanada“ hinterher. Ob dabei Tränen der Rührung flossen, ist nicht überliefert.
Beide Seiten kündigten an, nach den kanadischen Wahlen am 28. April „umfassende Verhandlungen über eine neue wirtschaftliche und sicherheitspolitische Partnerschaft“ aufzunehmen. Ein Neustart also? Vielleicht – aber das Drama ist noch nicht vorbei.
Kanada: Von der Handelspartnerschaft zur „maximalen Gegenreaktion“
Während Trump schon einen kleinen Feiertag vorbereitet („Liberation Day“ am 2. April – gemeint ist nicht Kanada, sondern „alle Länder, die uns ausgenutzt haben“), bereitet Carney Vergeltungsmaßnahmen vor – mit „maximaler Wirkung“. Schon jetzt hat Kanada Zölle in Höhe von rund 60 Milliarden kanadischen Dollar auf US-Produkte verhängt. Weitere könnten folgen, sollte Trump seine Zoll-Drohungen wahr machen.
Oppositionsparteien: „Trump liebt die Liberalen – sie machen’s ihm leicht“
Die angespannte Beziehung zu den USA ist längst zu einem Wahlkampfthema in Kanada geworden. Oppositionsführer Pierre Poilievre (Konservative) spottete, Trump wolle die Liberalen an der Macht halten, weil sie „sehr hilfreich für seine Agenda“ seien. Carney und Co. würden „unser Geld und unsere Jobs freiwillig abgeben“.
Auch der linke NDP-Chef Jagmeet Singh bezeichnete die Zölle als „Verrat“. Der Chef der Bloc Québécois, Yves-François Blanchet, zeigte sich misstrauisch gegenüber Carneys Gesprächsbereitschaft: „Was genau verhandelt er da hinter verschlossenen Türen?“
Und die EU? Lieber nicht, warnt Trump
Trump warnte Kanada außerdem eindringlich davor, sich mit der Europäischen Union gegen seine „Reziprozitätszölle“ zu verbünden. Wer das wage, könne mit „großflächigen Strafzöllen rechnen, viel größer als bisher geplant“.
Fazit: Die Beziehungen zwischen Kanada und den USA sind derzeit ein Mix aus politischer Seifenoper, wirtschaftlicher Hochspannung und diplomatischer Improvisation. Immerhin – für einen kurzen Moment haben sich beide Seiten freundlich zugewunken. Ob daraus mehr wird als nur ein PR-Foto, entscheidet sich wohl nach dem 2. April.