Es war einmal in einem weit entfernten Königreich namens Europia, wo die klügsten Köpfe des Landes in einem prächtigen Schloss namens Brüssel residierten. Dort saß die weise Königin Ursula, umgeben von ihren treuen Beratern, die stets mit ernster Miene dicke Pergamentrollen entrollten und über das Schicksal des Reiches berieten.
Eines Tages trat die Königin vor ihr Volk und sprach mit fester Stimme:
„Höret, Bürger von Europia! Zu lange haben wir uns in einem Labyrinth aus Schriftrollen, Siegeln und Vorschriften verirrt. Die Zeit ist gekommen, den großen Drachen der Bürokratie zu besiegen! Ich verspreche euch: Bald werdet ihr nicht mehr drei Vollmonde warten müssen, um eine neue Schmiede zu eröffnen, und kein Bauer wird mehr vier Dutzend Formulare ausfüllen müssen, nur um seine Karotten am Markt zu verkaufen.“
Das Volk jubelte, die Händler klatschten, und die Gildenmeister rieben sich erfreut die Hände. „Endlich! Weniger Regeln, weniger Papierkram, mehr Freiheit!“ riefen sie. Und so wurde das ehrwürdige „Buch der Vorschriften“ geöffnet, um all die unnötigen Regeln zu tilgen.
Doch kaum hatten die Berater der Königin begonnen, die ersten Paragraphen herauszustreichen, da stürzten die Wächter des Grünen Ordens herbei. „Halt!“ riefen sie. „Wenn ihr dies löscht, wird unser edler Plan zur Rettung des Klimas in Gefahr gebracht!“ Auch die Gilde der Gerechten erhob ihre Stimmen: „Deregulierung? Das könnte die Rechte der Arbeiter schwächen! Und was ist mit der Sicherheit der Bürger? Ohne Regeln wird Chaos herrschen!“
Die Königin wiegte nachdenklich ihr Haupt. „Nun gut“, sprach sie, „dann lasst uns nur das streichen, was wirklich niemand braucht.“
Doch nun meldeten sich die Schriftgelehrten zu Wort. „Aber Majestät, jedes Gesetz ist mit einem anderen verbunden! Wenn wir hier etwas ändern, müssen wir auch dort etwas anpassen. Und dort. Und dort.“ Schon bald war das Schloss mit neuen Pergamentrollen gefüllt, dicker und komplizierter als je zuvor.
Die Händler und Gildenmeister begannen zu murren. „Wir wollten weniger Regeln, nicht neue!“ Doch es half nichts. Der Bürokratie-Drache lachte in seinem Versteck, denn mit jeder neuen Regel, die abgeschafft werden sollte, entstanden zwei neue.
Und so geschah es, dass das Versprechen der Königin in den Nebeln der Geschichte verschwand. Die Bürger von Europia warteten weiterhin auf Genehmigungen, stempelten fleißig Formulare und lernten, dass in ihrem Königreich eines immer sicher war: Bürokratie mag sich wandeln – aber sie verschwindet nie.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann warten sie noch heute auf den nächsten Stempel.