Interviewer: Herr Högel, Trading Apps wie Trade Republic und Scalable Capital sind in den letzten Jahren sehr populär geworden. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass diese Apps unerfahrene Anlegerinnen und Anleger zu risikoreichem Verhalten verleiten können. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Maurice Högel: Die Popularität von Trading Apps ist zweifellos eine interessante Entwicklung, da sie den Zugang zu Investitionen erheblich erleichtern. Gleichzeitig zeigt die Studie aber, dass diese Apps besonders unerfahrene Nutzerinnen und Nutzer ansprechen und bei ihnen eine steigende Risikobereitschaft fördern. Das klingt zunächst positiv, kann aber gefährlich werden, wenn es an Wissen und Erfahrung fehlt. Solche Plattformen vermitteln oft eine spielerische Herangehensweise, was zu impulsiven Entscheidungen führen kann, die langfristig negative finanzielle Folgen haben.
Interviewer: Die Forschenden sprechen von „Gamification-Methoden“, die den Einstieg ins Investieren erleichtern, aber auch Risiken bergen. Können Sie das genauer erklären?
Maurice Högel: Gamification bedeutet, dass Elemente aus Spielen, wie Belohnungen, Fortschrittsanzeigen oder einfache, intuitive Bedienkonzepte, in die Apps integriert werden. Das senkt die Hemmschwelle und macht das Investieren attraktiver, insbesondere für jüngere Menschen. Allerdings erzeugt diese Einfachheit auch die Illusion, dass das Investieren keine tiefere Beschäftigung erfordert. Das führt dazu, dass viele Nutzerinnen und Nutzer Entscheidungen treffen, ohne die zugrunde liegenden Risiken oder Mechanismen zu verstehen.
Interviewer: Laut der Studie wissen nur sieben Prozent der Nutzerinnen und Nutzer, wie das Geschäftsmodell der Trading Apps funktioniert. Warum ist das problematisch?
Maurice Högel: Das ist ein alarmierendes Ergebnis. Viele Nutzerinnen und Nutzer verstehen nicht, dass die Apps oft indirekt Geld verdienen, etwa durch den Verkauf von Orderdaten oder Margen auf Kursdifferenzen. Dieses Unwissen führt dazu, dass sie möglicherweise versteckte Kosten oder Interessenkonflikte nicht erkennen. Ein weiteres Problem ist, dass unerfahrene Anlegerinnen und Anleger die Risiken der Märkte selbst unterschätzen könnten, was zu Verlusten führt.
Interviewer: Was können Anlegerinnen und Anleger tun, um sich besser zu schützen?
Maurice Högel: Bildung ist hier der Schlüssel. Bevor man investiert, sollte man sich mit den Grundlagen von Finanzmärkten und Anlagestrategien vertraut machen. Viele Apps bieten mittlerweile Testversionen oder Demokonten an, um risikofrei zu üben. Diese Optionen sollten unbedingt genutzt werden. Darüber hinaus wäre es hilfreich, sich über das Geschäftsmodell der jeweiligen App zu informieren, um zu verstehen, wie sie Geld verdienen. Anlegerinnen und Anleger sollten auch darauf achten, nicht in kurzfristige Trends zu verfallen, sondern langfristig und diversifiziert zu investieren.
Interviewer: Die Studie weist auch darauf hin, dass Trading Apps eine Chance für die Demokratisierung der Finanzmärkte und die Alterssicherung darstellen könnten. Wie sehen Sie das?
Maurice Högel: Absolut, das Potenzial ist da. Der erleichterte Zugang kann dazu führen, dass mehr Menschen am Aktienmarkt partizipieren, was langfristig zur Alterssicherung beitragen könnte. Aber ohne ausreichendes Wissen und klare Regulierung bleibt diese Chance ungenutzt. Es wäre wünschenswert, wenn die Anbieter von Trading Apps verstärkt auf Bildung setzen würden – beispielsweise durch Tutorials oder verpflichtende Grundkurse. Auch der Gesetzgeber könnte hier Anreize schaffen, um langfristig orientierte Investitionen zu fördern.
Interviewer: Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Regulierungsbehörden in diesem Kontext?
Maurice Högel: Die Regulierungsbehörden haben eine entscheidende Rolle. Sie sollten sicherstellen, dass die Apps transparent über ihr Geschäftsmodell informieren und Anlegerinnen und Anleger vor möglichen Risiken warnen. Darüber hinaus könnten sie Standards für die Gestaltung solcher Apps setzen, um den „Gamification-Effekt“ zu entschärfen. Wichtig ist auch die Förderung von Finanzbildung, etwa durch Kooperationen mit Bildungseinrichtungen oder gezielte öffentliche Kampagnen.
Interviewer: Herr Högel, vielen Dank für Ihre Einblicke. Haben Sie abschließend noch einen Ratschlag für Nutzerinnen und Nutzer von Trading Apps?
Maurice Högel: Ja, mein wichtigster Ratschlag ist: Nehmen Sie sich Zeit, bevor Sie investieren. Trading Apps machen es verlockend einfach, Geld in Bewegung zu setzen, aber investieren Sie nur, wenn Sie das zugrunde liegende Risiko verstehen. Denken Sie langfristig, bleiben Sie diversifiziert, und nutzen Sie die verfügbaren Bildungsressourcen. So können Sie die Chancen solcher Plattformen nutzen, ohne unnötige Risiken einzugehen.
Interviewer: Vielen Dank für das Gespräch!
Maurice Högel: Sehr gerne.