Eine Studie der Universität Tartu in Estland hat bestätigt, dass der Vollmond menschliches Verhalten beeinflussen kann, insbesondere in Form von Nervosität und Aggressivität. Die Forschung zeigt jedoch, dass dieser Effekt nicht auf direkte Einflüsse des Mondes zurückzuführen ist, sondern auf psychologische Mechanismen wie Selbstsuggestion. Die Ergebnisse beleuchten einen weit verbreiteten Glauben, der sich erst in den letzten Jahrzehnten etabliert hat.
Vollmond und menschliches Verhalten: Ein moderner Mythos
Professor Ain Raal, Pharmazeutischer Biologe und Co-Autor der Studie, erklärt, dass der Glaube an die Wirkung des Vollmonds auf das Verhalten eine relativ neue Entwicklung ist. Während in älteren estnischen Traditionen die Mondphasen eine Rolle spielten, etwa in der Landwirtschaft oder bei Heilmethoden, entstand die Idee, dass der Vollmond Nervosität und Konflikte auslöst, erst in den letzten 50 Jahren.
„Im estnischen Volksglauben gibt es kaum Hinweise darauf, dass der Vollmond speziell mit Gesundheit oder Verhalten verknüpft war. Es scheint eine Art moderne Folklore zu sein, die durch populäre Kultur und Mythen, etwa Werwolfgeschichten, verstärkt wurde“, so Raal.
Die Studie: Messung von Konflikten in Apotheken
Um den Zusammenhang zwischen Vollmond und aggressivem Verhalten zu untersuchen, wertete das Forschungsteam Daten aus Dutzenden Apotheken in Estland aus. Apotheker wurden gebeten, schwierige Interaktionen mit Kunden an verschiedenen Tagen aufzuzeichnen. Die Apotheken wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine wusste, dass die Studie den Vollmond untersuchte, während die andere Gruppe dies nicht wusste und als „Placebo-Gruppe“ diente.
Die Ergebnisse waren eindeutig: In den drei Tagen vor, während und nach dem Vollmond gab es in beiden Gruppen signifikant mehr Konflikte mit Patienten. „Die Daten zeigen, dass an Vollmondtagen ein klarer Anstieg der schwierigen Interaktionen zu verzeichnen ist“, erläutert Raal.
Psychologische Mechanismen statt mystischer Einflüsse
Die Wissenschaftler betonen, dass die Ursache für dieses Verhalten nicht direkt im Mondlicht oder den Gravitationskräften des Mondes liegt. Stattdessen handelt es sich um einen psychologischen Effekt. Menschen, die an die Wirkung des Vollmonds glauben, neigen dazu, sich unbewusst selbst zu beeinflussen. Sie erklären sich schlechte Laune oder Konflikte mit dem Vollmond und rechtfertigen ihr Verhalten entsprechend. Besonders betroffen seien Personen mit psychischen Vorerkrankungen, so Raal.
Ein weiterer Faktor könnte die Helligkeit des Mondes sein. In früheren Zeiten, als es keine künstliche Beleuchtung gab, konnte das helle Mondlicht den Schlaf stören und Reizbarkeit fördern. „Der Einfluss von Schlafmangel könnte ein Grund sein, warum der Vollmond mit Nervosität in Verbindung gebracht wird“, vermutet der Forscher.
Mondphasen im älteren Volksglauben
Der Glaube an die Wirkung der Mondphasen war in der traditionellen estnischen Kultur jedoch umfassender. Es wurde angenommen, dass der zunehmende Mond Wachstum und Erfolg fördert, während der abnehmende Mond für Heilung und Reduktion steht. Diese Überzeugungen spiegelten sich in der Landwirtschaft, der Bauplanung und der Heilkräutersammlung wider. Der Vollmond selbst spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle.
„Die Menschen glaubten, dass der zunehmende Mond Kraft verleiht, während Krankheiten am abnehmenden Mond besser behandelt werden konnten. Diese Überzeugungen basierten auf Beobachtungen der Natur und waren tief in der Kultur verwurzelt“, erklärt Raal.
Fazit: Moderne Mythen und wissenschaftliche Erkenntnisse
Die Studie zeigt, dass der Vollmond tatsächlich mit einem Anstieg von Konflikten und Nervosität in Verbindung steht, dies jedoch auf psychologische Mechanismen und nicht auf physikalische Einflüsse zurückzuführen ist. Der Glaube an die Macht des Mondes ist weniger ein traditionelles, sondern eher ein modernes Phänomen, das durch populäre Mythen und kulturelle Entwicklungen gefördert wurde.
Die Ergebnisse rufen dazu auf, solche Überzeugungen kritisch zu hinterfragen und ihre Ursprünge besser zu verstehen. Gleichzeitig werfen sie ein Licht auf die faszinierende Verbindung zwischen menschlichem Verhalten und kulturellen Narrativen.