FIFA, Fußball-WM, Kommerz und Korruption

Das einzig Positive, was man der FIFA nachsagen kann, hat sie nicht gewollt. Es ist die Kraft, alle gegen sich aufzubringen. Der Weltfußballverband führt Positionen zusammen, die ohne ihn nie zusammenkämen. Die FIFA und ihre Repräsentanten erscheinen vielen ein Inbegriff der Korruption und des Nepotismus zu sein. Sie werden als gnadenlose Kommerzialisierung des Fußballs und des willfährigen Paktierens mit autoritären Regimes verstanden.Erfassung der Argumente zu undurchsichtigen Aktivitäten

Diese Behauptungen sind leicht platziert. Diese Argumente werden durch Bücher über die FIFA, wie „FIFA-Mafia. Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball“ oder „The ugly Game. The Corruption of FIFA and the Plot to buy the World Cup“, verstärkt. Mittlerweile ist der Verband im Visier diverser Strafverfolgungsbehörden. Er soll unfähig zu wirklichen Reformen sein. Dabei wird er immer reicher. Nordkorea ist unbeliebter, wenngleich Kim Jong-un daran zu arbeiten scheint, um den letzten Tabellenplatz in der Liga des Bösen zu verlassen.

Zugleich ist die FIFA die Instanz, die über das Schicksal des Fußballs auf der Welt bestimmt. Die Zahl ihrer Mitgliedsländer ist größer als die der Vereinten Nationen. Sie thront über den nationalen Verbänden. Unter dubiosen und bis heute unbekannten Umständen hat sie Weltmeisterschaften für die Jahre 2018 und 2022 an Russland und Katar vergeben. FIFA wird von Außenstehenden als eine, euphemistisch gesagt, „gelenkte Demokratie“, ähnlich einer monarchischen Diktatur mit kapitalistischer Fassade verstanden.

Wer den Fußball liebt, betrachtet diese Konstellation als Herausforderung. Das „Feindbild“ schließt das „Sommermärchen“ des Jahres 2006 in Deutschland ein. Es wird intern als Resultat undurchsichtiger Deals angesehen. Wenn dies der Wahrheit entspräche, blieben Fragen: Warum kehren Fußballbegeisterte dieser Welt dem FIFA-Business nicht den Rücken? Stattdessen fiebern sie trotz der Bedenken der Weltmeisterschaft in Russland entgegen.

Argumente für qualifizierte und graue Antworten des Fußballmarktes

Die o. b. Fragen finden sich in vielen Büchern, die zur WM erscheinen oder erschienen sind. Beispiele sind „Das wunde Leder. Wie Kommerz und Korruption den Fußball kaputt machen“ (Gmünder, St., Zeyringer, K. – 2018) und „Manifest wider die Sportdiktatur“ (Zeyringer, K., Trojanow, I. – 2018). Die Bücher wurden verfasst, um zum Boykott der WM aufzufordern: „Schauen wir uns kein einziges Match an! Wir sind keine Quotenbringer, keine dummen Schafe, keine dumpfen Konsumenten – wir sind wahre Fußballfans!“ Diese Präsentationen haben einen kuriosen asketischen Zug. Boykotteure könnten während der WM verkünden, dass sie aus politischen Gründen das Superspiel verpasst haben.

Für die Anti-FIFA-Causa wäre dies keine Hilfe. Selbstkasteiung im Wohnzimmer hat noch nie eine kollektive Bewegung hervorgebracht. Dieser Appell zur moralischen Selbstüberforderung übersieht Besonderheiten: Der Fußball kann im globalisierten Kapitalismus keine Insel der Seligen sein. Er hat der Kommerzialisierung länger widerstanden als andere Branchen.

Die Hoffnungen der Fans beinhalten das Ideal, dass ein Spiel Bollwerk gegen die fortschreitende Kolonialisierung der Lebenswelt sein könnte. Ist es hilfreich, wenn vorgeführt wird, was aus dem Weltfußball seit den siebziger Jahren geworden ist? Die FIFA wurde als Monopolist mächtiger und reicher. In den Ländern der Gastgeber tritt sie im Stil einer Besatzungsmacht auf und genießt Steuerfreiheit. Weder skrupellose Funktionäre noch Doping, Korruption, Steuersünden oder Pädophilie „scheinen der Premiummarke Fußball etwas anhaben zu können“ (Zeyringer ebda.).

Das Verhältnis von Fußball und Macht zu bestimmen, wird mit „neoliberaler Verwirtschaftlichung“ und „Versicherheitlichung“ definiert. Die Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen Bedeutung des Fußballs und den Zugriffsrechten der betroffenen Staaten wird aufgezeigt. Die Machtstrukturen im Fußball sind intransparent. Das Verbandswesen kommt mit autoritären Regimen gut aus. Wofür kann dieses Argument stehen?

Fußball und Politik haben bei Subventionen, sowie Sicherheit und Integration direkt miteinander zu tun. Der DFB kann obskure Geschäfte treiben, die mit seiner Titulierung über der Gemeinnützigkeit kaum vereinbar sind. Über die FIFA resultiert eine moralische Empörung. Sie ist aus der Kluft zwischen normativen Erwartungen an politisches und ökonomisches Handeln in Demokratien und den „Handlungsstandards“, im internationalen Business beim Umgang mit „demokratiefernen und autokratieaffinen“ Regimen entstanden (vgl. Beichelt,T. Ersatzspielfelder – Zum Verhältnis von Fußball und Macht; suhrkamp – 2018-05-07).

Die Veranstalter der digitalisierten Zukunft

Der Veranstalter der kommenden WM liefert in Sotschi die „Blaupause“, wie bei der WM verfahren werden könnte. Dazu gehört die Verhaftung angeblicher Regimegegner, was Anlass zur Stärkung des Sicherheitsapparats schafft. Verwaltungs- und Wirtschaftseliten werden in „korruptive Praktiken“ eingebunden. Jeder Fan hat eine romantische Ader. Hinter dem „Heimatversprechen“ des Fußballs verbergen sich „Identität und Sozialintegration durch den Fußball“, in den dominanten Deutungsmustern bleiben sie präsent (vgl. Beichelt ebda.).

Wissenschaftliche Verfahren der Digitalisierung spielen eine zentrale Rolle bei „Fußball-Matrix“ (vgl. Biermann, Ch.; Kiepenheuer und Witsch, Köln – 2009). Aktuell spielen WM, FIFA und die Politik in dem folgenden Buch keine Rolle. Methoden sollen zeigen, ob und wie sich der Fußball von einem „Spiel der Meinungen in eines des Wissens“ überführen lässt (vgl. Biermann ebda.: Die neue Fußball-Matrix. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2018). Mit Optimierung sollen bessere Daten auftauchen, bessere Berichte entstehen, Fußball primär bleiben.

Mit der Realität des Spiels sind Vorgaben schwer in Verbindung zu bringen. In den Datensätzen eines Spiels mit Ballbesitz, Zweikämpfen, Passquote und Torschüssen ist Brasilien beim 1:7 bei der WM 2014 in Belo Horizonte die Mannschaft mit den „besseren“ Werten. Fußball ist ein „Spiel der Zahlen“ geworden. Die Präsentation eines Spiels steht Algorithmen gegenüber. Diese sind keine mysteriösen Agenten. Jeder Algorithmus, der ein Problem lösen soll, bildet keine objektive Wahrheit ab, sondern wie das perfekte Spiel sein soll. Man staunt beim Lesen von „Matchplan“, was sich alles messen lässt, man lernt zum Beispiel was ein „xG“, ein „expected goal“, ist. Dazu wird das Spielfeld in Zonen eingeteilt. Mit Material aus Tausenden von Spielen wird ermittelt, wo und wie der Torerfolg am wahrscheinlichsten ist (vgl. Biermann ebda.).

Die Analyse am Endes des Spiels brachte das über Algorithmen begründete Ergebnis, dass die deutsche Mannschaft gegenüber bekannten Fußballsystemen atypisch gespielt hat. Deren mehrfacher Torerfolg resultierte aus der diagonalen Überbrückung des Spielraums, wodurch Gegenspieler nicht kontaktiert werden mussten. Die waagerechte Linie lag immer vor zwei gegnerischen Spielern, wodurch ein „Abseits“ ausgeschlossen wurde. Dieses System wurde in den Folgejahren bei bestimmten Problemspielen mit Erfolg angewandt (vgl. Körte, P.; FAZ 2018-05-07). Jede Scouting-Abteilung eines Clubs hat heute ihre Datenexperten. Solche Matchpläne bleiben trotz aller Fortschritte spekulativ. Die Spielvorbereitung mit Virtual Reality könnte den realen Fußball einbüßen lassen. Der Plan: „Die Zahl der zu überspielenden Verteidiger muss bekannt sein, um sich den Sinn für die Poesie eines getimten Balles zu bewahren“ (vgl. Biermann ebda.).

Graue Realität ist die Vorweihnachts-WM 2022 in Katar, die am liebsten als Science-Fiction zu betrachten wäre. Franz Beckenbauer hat auf den grauen Stadionbaustellen keine Sklaven gesehen. Katar hat eine problematische geopolitische Rolle, beherrscht von einem autoritären Regime. Internationale Reputation sollte durch die Übernahme des Fußballclubs Paris Saint-Germain gelingen. Die Profitchancen weltweiter Großkonzerne machen es unwahrscheinlich, dass sich eine Front gegen die WM am Golf formiert. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte müssten misstrauisch stimmen. Das FBI führt die Ermittlungen gegen die FIFA (vgl. Jäger, G.; „In den Sand gesetzt“, PapyRossa – Neue Kleine Bibliothek 255 – 2018-03). Anderseits sollte berücksichtigt werden, dass Jäger i. V. mit seinen Darstellungen unrealistische Ideen postuliert: Russland sei ein tadelloser Veranstalter. Deutschland hätte die WM 2006 nicht verdient gehabt.

Fazit

Die Frage ist präsent: Begleitgeräusche und Vermarktungsaktivitäten haben das Spiel auf dem Rasen zu ihrem Anhängsel gemacht. Mit dem Davor, Daneben und Danach kann es unsichtbar werden. Das wird sich bei der kommenden WM nicht ändern. Die Kommentierung der Spiele wird sich an der Vergangenheit orientieren und die o. b. Probleme im Sinne der Erheiterung der Zuhörer und Zuschauer ausklammern. Print- und Online-Medien sollten ihre qualifizierte Arbeit erledigen. Boykotteure könnten die WM in Katar kippen, Journalisten die FIFA mit ihrer semifeudalen Diktatur nicht mehr hofieren. Hoffnungen, die für den Fußball nie aufhören!

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